Während Kalle den Stein säuberte, bemerkte er eine junge Frau, die mit zögerlichen Schritten den Hauptweg hinaufkam. Sie trug einen dunkelblauen Mantel, den Kragen hochgeschlagen gegen den herbstlichen Wind, und hielt ein kleines, sichtlich altes Buch in den Händen. Ihr Name war Anna. Sie war Historikerin und vor kurzem aus Münster ins Ruhrgebiet gezogen, um im Archiv zu arbeiten.
„Guten Morgen“, sagte Kalle leise, um die Stille nicht zu brechen.
Anna schreckte kurz auf, lächelte dann aber matt. „Guten Morgen. Ich... ich suche das Grab eines alten Postbeamten aus der Kaiserzeit. Mein Urgroßvater soll hier liegen. Aber die alten Kirchenbücher aus der Zeit, als dieser Ort noch der Evangelische Begräbnisplatz zu Bickern war, sind lückenhaft.“
Kalle trat einen Schritt beiseite und deutete mit einer einladenden Geste seiner erdverschmierten Hand auf den frisch freigelegten Stein. „Manchmal findet einen die Geschichte, genau in dem Moment, in dem man aufhört zu suchen.“
Anna trat näher. Als sie die Inschrift las, glitten Tränen über ihre Wangen. Sie öffnete das Buch, das sie trug. Es war kein Notizblock, sondern ein altes Tagebuch mit vergilbten Seiten.
„Er ist es“, flüsterte sie. „Willi. Er starb im Herbst 1927 bei einem schweren Gewitter auf dem Weg vom Bahnhof Wanne zur alten Posthalterei, jener kleinen, einfachen Fachwerk-Station, die lange vor dem großen steinernen Amt das Herz des Wanner Postwesens war. Ein Blitz erschreckte die Pferde, der gelbe Postwagen stürzte um.
In seiner Tasche fand man damals einen letzten Brief, den er nicht mehr zustellen konnte. Er war an seine Verlobte gerichtet, meine Urgroßmutter.
Er wollte ihr an diesem Abend einen Antrag machen.“